Die Wolke im Wohnzimmer - Teil 2

Früher wie heute sind Computer begehbar.

War es früher das Mainboard, das sich über mehrere Räume erstreckte, so ist es heute die Peripherie, die uns umgibt.

Im ersten Teil spekulierte ich über Benutzeroberflächen und die Verteilung von Daten. Danach ging ich in die Badewanne und träumte noch etwas weiter.
Secondlife wird doch noch fürs First Life nützlich, wenn das Wohnzimmer zum Holodeck wird.

Den Punkt das mein Handy der Schlüssel zu meinen Daten wird muss ich revidieren. Er wird ein Schlüssel. Einer von vielen möglichen.
So sehr Datenschützer auch trauern werden, wir selbst werden ein anderer Schlüssel. Der Zugang zum Netz ist überall. Dank preiswerter Herstellungsverfahren werden die meisten Oberflächen irgendwann zu Displays. Und sei es der Holzblock, der von einer gut verteilten Ansammlung von Beamern mit einem Interface versehen wird.

Will ich Informationen austauschen, kann ich jede Art von adressierbarem Objekt mit entsprechenden Zugangsdaten verknüpfen. Der Holzblock, dank seiner Maserung recht einmalig, kann selbst zwar keine Bilder speichern, kann aber sehr wohl andernorts als Schlüssel zu extern gespeicherten Daten verwendet werden.

Das Holodeck ist nahe!

OLEDs sind doch interessant. Angenehmerweise wird das gar nicht so stromintensiv wie befürchtet. Momentan strahlen hier Halogenlampen mit 45W und einem Wirkungsgrad von max 5% (Wirkungsgrade laut energieinfo.de). Mit OLEDs ist momentan ein Wirkungsgrad von 15% möglich. Damit sind das 15W für das Licht bei gleicher Helligkeit. Für einen nicht weiter steigenden Verbrauch wären da noch 30W für die Steuerung übrig.

Dieser Raum hier hat ~20 m² Grundfläche. Die Wandflächen plus Decke sind damit so etwa 70m². Mit der Pixeldichte heutiger Großfernseher (1080p auf 1,3m Diagonale) komme ich auf 2Megapixel/m² und damit 140MP insgesamt. Da bleibt jeweils 1/2 W/m² . Kürzlich stellte Samsung ein Handyprozessor basierend auf den ARM Cortex A8 vor, der 1080p Signale über hdmi ausgibt. Wenn es dann mal die OLEDs in der gewünschten Größe und Preis gibt, wird das beschicken mit Bildern auch machbar werden.

Schön das Hasslblad kürzlich eine 60MP Mittelformatkamera vorstellte http://www.heise.de/newsticker/Schwenken-erlaubt-Hasselblad-H4D-60-mit-neuer-Fokustechnik--/meldung/146088 . Damit gibt es sogar gleich etwas für die Wand. Alternativ gibt es noch http://www.gigapxl.org mit der 4 Gigapixelkamera und Viele viele Computerspiele.

Wie wäre es gegen Abend mit der Wohnung im Ozean zu versinken und den Raum in eine Tauchkugel zu verwandeln. Neben dem Sessel schwimmt langsam ein Blauwal vorbei. Ein Schwarm kleiner bunter Fische wuselt durch die Gegend. Und an dem Bücherregal, das nur noch aus alter Gewohnheit dort steht, wachsen die ersten Korallen fest.

Fand es vor kurzem die ältere Generation noch sehr fragwürdig, wieso man in Second Life echtes Geld für virtuelle Bilder in seinem virtuellen Haus ausgibt, bekommt man dann in Kürze eine gute Auswahl hochauflösender Bilder und Szenerien für die Wohnung gegen gutes Geld.
Auch hier erfolgt die Vergütung nicht anhand der Produktionskosten der Ware sondern für die Entwicklung des Produkts.

Es wird ein Holodeck für Stubenhocker.

Es gibt da zwar diese Entwicklung des rollenden Fußbodens, mit dem die Wand beim Gehen immer gleich weit weg bleibt.
In vielen Fällen dürfte es aber einfacher sein sich einfach in der Mitte in einen Sessel zu setzen und im Sitzen durch die Welt zu navigieren.

Gestern, im Foyer der Alten Meister im Dresdner Zwinger hing eine mitlerweile alte Werbetafel, die stolz verkündet, das der Zwinger nun auch bei Second Life erkundbar wäre (Da kam überhaupt erst die Erinnerung an diese Blase auf). Am Monitor ist das ja noch das eine. Wenn die Riesenbilder dann aber wirklich wandfüllend, ist das bestimmt beeindruckend. Und von außen sieht keiner, das man im Rollstuhl durch das Museum fährt.

Die Dicken bei Wall-e sehen plötzlich gar nicht mehr so abwegig aus.
Glücklicherweise werden uns die Geocacher retten. Raus gehen kann auch Spaß machen..

Kommentare

Schöne neue Welt

Schöne neue Welt, die du da malst. Genährt von den Prospekten der Elektronikindistrie und den bunten Bildern aus Filmen. Ich frage mich nur, ob wir uns wirklich so weit von unserer eigentlichen Natur entfernen wollen, umgeben von Technik, künstlichen Welten, allgegenwärtigen Daten die Realität um uns entschwindend. Es gab da Kinder, die dachten, Kühe sind lila. Was du da schreibst, klingt ein wenig wie die freiwillige Selbstmatrixifizierung. Und deine überall verfügbaren Daten sind dem Herrn Innenminister auch jederzeit verfügbar? Mit dem ökologischen Fußabdruck wächst auch der Datenfußabdruck ins unermessliche. Aber irgendwie stecken wir da ja schon drin. Und zugegeben, ein Holodeck klingt ja auch verdammt verlockend.

Aber wenn ich die Wahl zwischen dem Holodeck und einem realen Berggipfel auf dem mir frischer Wind ins Gesicht bläst und der weite Blick über Wälder und Wiesen streifen kann hätte, dann würde ich doch gerne auf das Holodeck verzichten. Passen wir auf, dass es nicht so weit kommt, dass wir einen Fuß noch auf unserem Planeten lassen und nicht gänzlich im Cyberspace verschwinden.

PS: Du hast ein übrigens ein wunderbares Beispiel für den Rebound-Effekt geliefert. Mit den 30W, die wir aus dem Umstieg von Halogen aus OLED sparen, können wir ja die ganzen bunte Datenwelt betreiben. Genauso, wie wir dann das alte Braunkohlekraftwerk (welches uns versprochen wird abzuschalten, wenn alle auf energiesparende Lichttechnik umsteigen) weiterlaufen lassen müssen.

PPS: Der Spamfilter nervt. Schöne neue Welt :-P

stimmt alles

Ja, wir sind schon drin.

Ja, der Rebound ist recht offensichtlich. Alle geräte brauchen weniger Strom als früher, dafür sind es wesentlich mehr.

Ja, der ökologische- und der Datenfußabdruck wachsen beide. Wo Daten sind, gehen Daten an andere verloren. Es ist schon interessant wenn man ein fremdes Auto knacken will, und sich damit in Ruhe mit dem Laptop auf die Parkbank daneben setzt, die Software machen läßt und wartet das die Türen aufgehen.

Zwsichenzeitlich arbeitete ich in einer Jugendwerkstatt, in der die Jugendlichen Logos, Flyer, Plakate und Broschüren layoutet haben. Sie saßen die meiste Zeit vor Computern. Für ihre Altersgruppe war es meist erstaunlich ruhig. Ihre interne Kommunikation lief öfter über den Chat, als von Mund zu Ohr. Wurden sie an einen externen Termin erinnert, war ihr erster Gang meist Richtung Toilette, da sie dieses drängende Körpergefühl zwischenzeitlich überhört hatten.
Da ist Matrixifizierung. Von dehydrierten Jugendlichen in WOW Farmen in China hat man ja auch schonmal gehört. Shadowrun postulierte solche Schicksale vor 15 Jahren.

Und doch...

Die Dosis macht das Gift.

Gerade jetzt fand ich hier das nachher im Hechtviertel eine Turnhalle zum jonglieren offen steht. Ohne die Computer hätte ich sie nur schwer gefunden, sondern würde jetzt hier sitzen und ein Buch lesen. Den Berggipfel mag ich auch. Es gibt aber auch Zeiten, da kann ich nur davon träumen, weil ich hier meine Brötchen verdienen sollte.

Das Problem mit den abhängigen Jugendlichen wird sich hoffentlich noch relativieren. Wenn die Jugendlichen erst Eltern sind und ihren Kindern zeigen können, wie diese bunte neue Welt funktioniert, dann geht die nächste Generation mit etwas mehr Medienkompetenz ins Rennen, als die jetzige.

Was ist unsere eigene Natur? Warum sollten wir die evolutorischen Gewohnheiten nicht ändern?

Oh, und der Spamfilter...ohne ihn wäre es noch schlimmer.

Nachtrag. Alles wird

Nachtrag.

Alles wird gut.
Bestimmt.

Ich will gar nicht zurück zur Natur.

Sie freiwillig besuchen zu können ist sehr angenehm, zweifelsohne. Aber zurück zur Natur, weg von vercyberten Wohnzimmern heißt in der Konsequenz bei Hagel und Schnee an den Resten des Lagerfeuers in seiner Höhle zu sitzen, sich zu fragen wo Holz, Abendessen und dreilagiges Toilettenpapier her kommt. Das will ich nicht.
Da sind mir stark isolierende Fensterwände lieber, bei denen man wohlig warm und mit dem guten Gewissen, das die Wärme tagsüber über Wärmekollektoren gesammelt und zwischengespeichert wurde, lieber. Ein Wolkenbruch ist angenehm, wenn man ihn von der anderen Seite der Scheibe aus betrachten kann.
Der angenehme sommerliche Wolkenbruch kommt im Winter nur selten vor.

Der Rebound bei Glühlampe vs. Monitorwand ist auch nicht soo heftig. Am Anfang werden die OLEDs entweder kleine Monitore oder große nur wenig steuerbare Flächen sein. Damit minimieren sich die Stromwerte der Steuerelektronik.
Und später wird es auch halb so wild. Nur bei Bereichen mit Inhalt, die in meinem Aufmerksamkeitsbereich liegen bedarf es einer hohen Auflösung. Für statische bemalte Tapete brauche ich die Steuerleistung nur zum generieren des Musters, danach schlafen die Chips meistens. Diese Hardware wird sowieso erst verbaut, wenn sie bezahlbar ist. Das kann noch etwas dauern.

Insgesamt dürfte es wesentlich angenehmer sein, mit dabei zu sein diese Welt in eine Richtung zu entwickeln, die sowohl Luxus als auch Nachhaltigkeit bietet, als auf den Luxus zu verzichten. Für die erste Option gibt es glühendere Verfechter.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen