Umziehen oder bleiben

Ich wohne mit meiner Familie in einer Dresdner Stadtwohnung auf etwa 80m². Vor kurzem kam eine Nebenkostenabrechnung. Diese enthielt u.a. die Gesamtmenge an Gas, die für unser Haus für Heizung und Warmwasser verfeuert wurde. Und dort stand auch unser Anteil. Daraus ergab sich ein Wert von ziemlich genau 125kWh/(a*m²).

Aber wieviel ist das. Wieviel Energie in einem m³ Erdgas steckt, ist unterschiedlich. 12,5kWh pro m³ ist ein üblicher Wert. Wie passend. 125/12,5 = 10m. Pro Jahr wird für unsere Wohnung das Volumen von 3 Wohnungen an Erdgas verfeuert. Wenn ich mal so annehme noch 45 Jahre zu leben, wird für meine Wohnung noch das Volumen von 135 Wohnungen verfeuert. Das ist eine ganze Menge.

Aber so viel gibt es doch gar nicht. Und was ist wenn das jeder machen würde...

Ein Kollge ist um die Ecke in ein neu gebautes Mehrfamilienhaus gezogen. Es wird mit Fernwärme geheizt und dort gibt es einen Energieausweis. Dieser bescheinigt dem Haus ein Primärenergiebedarf von 18kWh/(am²) und einen Endenergiebedarf von 63kWh/(am²). Dieser Ausweis ist jetzt etwas kompliziert.

Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der der Endenergiebedarf das, was das Haus an Hitze abstrahlt. Der Primärenergiebedarf enthält enthält nicht nur die lokalen Energiemengen, sondern pro Energieträger einen Faktor für die Energiekosten für Förderung, Transport, Lagerung und alles was vorher eine Rolle spielt. Aber auf der anderen Seite kann man durch Wärmepumpen oder Lufttauscherheizungen mit Wärmerückgewinnung diesen Wert drücken. Pro Quadratmeter wird in diesem Haus nur 18/125 = 14,4% der Energie unseres Hauses benötigt.

Auf der einen Seite legt das nahe unbedingt in ein neues Haus zu ziehen. Selbst mit den Kosten für den Neubau, ist das langfristig so viel besser. Selbst wenn ich ein pervers großes Einfamilienhaus baue, ist die Energiebilanz deutlich positiv, zumal ich dann auch Platz für die Solaranlage habe, damit dieses Strom für Elektrik, Heizung und Auto liefern kann.

Aber eigentlich bin ich ein Stadtmensch und nur bedingt speckgürtelgeeignet. Und dann wird es deprimierend. Energieverordnungen für den Hausbau gibt es seit Mitte der 90iger Jahre. Das Haus in dem ich wohne stammt aus dem Jahr 1907, ist damit jetzt 113 Jahre alt und gut in Schuss. Mit kleineren Reparaturen wird es auch in 100 Jahren noch hier stehen. In Deutschland werden Häuser Hauptsächlich auf Grund von Kriegen abgerissen. Der Rest wird gehegt und gepflegt. So lange es keine Verpflichtungen an Hausinhaber gibt und Gas weiterhin so billig ist, gibt es kaum Anreize etwas zu ändern. Damit werden wir noch sehr viele Jahre solche energieaufwändigen Häuser haben.

Aber: Klimawandel, die Kinder, die Zukunft, ökologischer Fußabdruck...

Ich arbeite seit einer Weile für Solarwatt, einem Dresdner Solarzellen+Batterie+Hardwaredrumrum Hersteller. Wir hatten eine Umfrage unter unseren Interessenten gemacht. Etwas weniger als 1/3 interessierte sich für Solaranlagen der Nachhaltigkeit wegen. Etwas weniger als 2/3 waren an der Wirtschaftlichkeit interessiert. Der schmale Rest wollte beides oder es war egal. Und das sind schon die zu Nachhaltigkeit geneigten. Die meisten handeln aus persönlich ökonomischer Sicht. Um den globalen Blick haben zu können, braucht man schon ein sehr speziellen Fokus um Einschränkungen zu akzeptieren, oder so viel Geld um es einfach machen zu können.

Wir wohnen seit 9 Jahren in dieser Wohnung. Vergleichbare Wohnungen kosten mittlerweile 60% mehr als bei uns. Ein Teil der Prozente geht auf das Konto der Inflation. Der Rest ist für die Grundstücksknappheit in Dresden.

Aus ökonomischer Sicht sollten wir nicht umziehen. Aus ökologischer Sicht müssen wir es unbedingt. Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust.

Und dann sind da noch Faktoren wie ÖPNV Anbindung, Auto-Notwendigkeit, Grün und Grundstück, Aussicht, Bezahlbarkeit, Erreichbarkeit der Schule, Freunde und Familie. Herr Hermsdorf: Wo sehen Sie sich in 5 Jahren? Das ist wirklich eine schwierige Frage auf die ich noch keine Antwort habe.